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Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch: Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr. Da mag etwas Wahres dran sein, doch wenn man genauer hinhört, dann ist auch das Thema Eltern werden ein nicht ganz so leichtes.

Unfruchtbarkeit, künstliche Befruchtung, Pflegekinder, Fehlgeburt, Sternenkinder, Eileiterschwangerschaften…… es gibt viele Hürden auf dem Weg zum Wunschkind.

Wir möchten mit dieser Serie ein paar Schwierigkeiten und Herausforderungen näher betrachten – dabei schauen wir weniger auf die medizinischen Aspekte, sondern auf die Gefühlslage. Denn egal ob der Schwangerschaftstest monatelang negativ ist, ob der Wunsch nach einem zweiten Kind unerfüllt bleibt oder ob ein Baby still geboren wird: Diese Situationen versetzen Paare in einen Ausnahmezustand und damit eine Beziehung diese Herausforderung meistert, ist manchmal professionelle Hilfe wichtig.

 

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Wenn der Wunsch nach einem (zweiten) Kind unerfüllt bleibt

Teil 2: Fehlgeburt - und was jetzt?

Teil 1: Wenn der Wunsch nach einem (zweiten) Kind unerfüllt bleibt

Nach dem ersten Kind ist es für viele Paare selbstverständlich, auch noch weitere Kinder bekommen zu können. Dass es ausgerechnet nach dem ersten Kind zu Problemen kommen könnte, kommt vielen Paaren nicht in den Sinn. So auch bei Julia*, die vor vier Jahren im Alter von 35 ihren Sohn Luis bekam. Sie wurde schnell schwanger, die Schwangerschaft verlief problemlos und nach zwei Jahren war klar, dass Luis noch ein Geschwisterchen bekommen sollte. Doch auch zwei Jahre nach dem Wunsch, bleibt die Schwangerschaft aus.

Sekundäre Sterilität, also der unerfüllte Kinderwunsch beim zweiten Kind, ist nicht selten. Eine häufige Ursache ist das Alter: Die Fruchtbarkeit sinkt mit zunehmendem Alter und so kann es tatsächlich vorkommen, dass die Unfruchtbarkeit erst beim zweiten Kind zum Thema wird. Aber auch die Spermienqualität nimmt ab und kann die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch sein.

Kinderwunsch so stark wie beim ersten Baby

Als sich Julia ihrem engsten Umfeld mit ihrem Problem anvertraute, stieß sie häufig auf Unverständnis. Schließlich hätte sie ja schon ein gesundes Kind und soll dafür dankbar sein. Manche Frauen hätten nicht einmal ein Kind – so der O-Ton.

Julia leidet – aber scheinbar scheint sie niemand zu verstehen. Stattdessen wurden ihr die vermeintlichen Vorzüge präsentiert: Luis wird immer älter, schläft schon fast durch, sie könne wieder voll im Berufsleben durchstarten und das nicht nur Teilzeit – und überhaupt sei mit einem Kind einfach alles leichter. Warum also noch einmal von vorne anfangen? Jetzt, wo Luis schon vier Jahre alt ist.

Paare mit sekundärer Sterilität werden in der Gesellschaft anders wahrgenommen: Statt ihren Wunsch und ihre Sehnsucht nach einem weiteren Kind anzunehmen und zu akzeptieren, werden sie zur Demut und zur Dankbarkeit ermahnt. Sie sollten doch ….. und müssten schon…..

Und dann gibt es noch die andere Seite der Medaille: Je älter Luis wurde, desto öfter wurde Julia – auch von fremden Personen – nach dem zweiten Kind gefragt. „Na, wann ist es denn wieder so weit? Ihr wollt doch eh noch ein Kind, oder?“ Jedes Mal waren diese Fragen ein Stich ins Herz. Ja, Julia hätte gerne noch ein Kind gehabt, aber es wollte einfach nicht klappen. Erst da wurde ihr bewusst, wie unsensibel eigentlich die Frage nach der Familienplanung anderer Paare ist.

Herausforderung für die Beziehung

Auch zwischen Julia und ihrem Mann wurde es schwieriger: Es drehte sich alles nur noch um dieses zweite Kind: Ob beim Sex oder beim Gesprächsthema beim Abendessen – das Wunschbaby war überall präsent. Jeder Monat mit einem negativen Schwangerschaftstest erhöhte den Stress und die Frustration. Der Zyklus wurde beobachtet, Temperatur gemessen, die Ernährung umgestellt, alternative Methoden probiert, der Sex geplant und der Leidensdruck immer größer.

Experten sprechen in diesem Fall von einer existenziellen Krise. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann Paare in eine Beziehungskrise stürzen, die eine professionelle Begleitung braucht.

Wir haben mit Psychotherapeutin Mag. Julia Asimakis über dieses schwierige Thema gesprochen:

Wie unterscheidet sich der Kinderwunsch vom ersten zum zweiten Kind?

Für Paare, die schon ein Kind haben und sich ein zweites wünschen, kann sich der unerfüllte Kinderwunsch genauso anfühlen wie es Paare bei einem ersten intensiven Kinderwunsch ohne Erfolg erleben.

Manchmal ist es für diese Paare sogar schwerer: Verwandte, Freunde und Ärzte trösten mit den Worten: "Seid doch glücklich, ihr habt zumindest ein Kind" oder "seid froh, dass ihr ein gesundes Kind habt!". Von außen wird der Wunsch nach einem zweiten Kind als weniger schmerzlich angesehen. Vor allem Paare, die reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch genommen haben, beschreiben, dass sie nun doch wirklich schon zufrieden sein könnten, dass es mit dem ersten Kind geklappt hat: Warum reicht ihnen das eine Kind nicht?

Dabei kommt es bei einem längere Zeit unerfüllten Kinderwunsch genauso zum Wechselbad der Gefühle: Ein Hoffen auf eine weitere Schwangerschaft, Enttäuschung wenn die Menstruation kommt, Versagensgefühle von beiden Partnern, Wut und Neid auf andere 2-Kind-Familien, Frustration und Scham.

In der Praxis erzählen mir Paare, dass sie sich Anderen gegenüber schämen, dass sie an ihrem Wunsch nach einem zweiten Kind festhalten, und darunter sehr leiden. Familie wird durch das Fehlen eines zweiten Kindes unvollständig erlebt. Ein leerstehendes zweites Kinderzimmer oder Kindersachen, die für das zweite Kind aufbehalten werden, können immer wieder den schmerzlichen Eindruck einer Lücke im inneren Erleben hinterlassen. Paare sehen sich zudem mit Trauergefühlen konfrontiert, die Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt nicht wiederholen zu können bzw. die Vorstellung über die ideale Größe einer Familie womöglich loslassen zu müssen. Mit diesen Gefühlen scheuen sich gerade diese Paare psychologische Begleitung  anzunehmen, weil sie sich undankbar erleben, und Angst davor haben als zu anspruchsvoll angesehen zu werden.

Und dann sind da auch noch die Schuldgefühle gegenüber dem bereits geborenen Kind. In vielen Eltern kommt das Gefühl hoch, sie würden sich nur mehr mit dem Kinderwunsch beschäftigen und geben ihrem Kind vielleicht weniger Aufmerksamkeit als wenn es keinen weiteren Kinderwunsch gäbe. Entwicklungsschritte des ersten Kindes können bei Eltern mit weiterem bisher unerfüllten Kinderwunsch von einer Trauer begleitet sein, dass sie dies nicht noch einmal mit einem weiteren Kind erleben werden können.

Der Kinderwunsch nach einem zweiten Kind kann also genauso stark oder stärker sein wie beim ersten Kind. Vor allem wenn beim ersten Kind alles gut und ohne großen Schwierigkeiten geklappt hat. Es wird manchmal bei einem zweiten Kind viel mehr nachgedacht: Welcher Abstand ist gut für das erste Kind? Wann wäre ein guter Zeitpunkt, zum Beispiel um Berufliches und Kinderbetreuung gut vereinbaren zu können? Wie war es in der eigenen Familie? Bei älteren Eltern kommt häufig auch der Gedanke, dass ein Geschwisterchen gut ist, da das erste Kind sonst niemanden hat.

Wie gehen Männer und Frauen mit dem Thema „unerfüllter Kinderwunsch“ um?

Ein über längere Zeit unerfüllter Kinderwunsch kann sehr belastend für Männer und Frauen, für die Paarbeziehung und Sexualität aber auch für das schon vorhandene Kind sein. Es können Stressreaktionen ausgelöst, Lebensziele in Fragen gestellt und persönliche Ressourcen beansprucht werden. Manchmal tauchen auch ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit auf.

Gehen Frauen anders mit dem Thema um? In die Praxis kommen in den meisten Fällen Frauen zuerst und ich lade dann die Männer und bei Bedarf auch manchmal die Kinder mit ein. Aus meiner Sicht leiden immer beide Partner an einem sehnlichen und unerfüllten Kinderwunsch. Meist rücken die Paare durch einen Kinderwunsch näher zusammen. Es sind aber sowohl die Gefühle und Empfindungen oft unterschiedlich, als auch die Bewältigungsstrategien. Oft ist der Kinderwunsch nicht gleich stark und dadurch die Frustrationstoleranz unterschiedlich. Versagensgefühle sind meist bei beiden vorherrschend und Gesprächsthema. Bei reproduktionsmedizinischen Maßnahmen sind es oft die Frauen, die sehr viel durchmachen um sich und dem Partner den Kinderwunsch zu erfüllen. Durch die vielen (oft belastenden) Schritte am Weg zum Wunschkind kann es zu Depressivität und höherer Ängstlichkeit kommen. Männer sind in dieser Zeit meist sehr unterstützend, was dazu führen kann, dass sie ihr eigenes Bedürfnis nach Unterstützung nicht so gut wahrnehmen können.

Was noch hinzukommt: Viele Eltern fühlen sich hin- und hergerissen zwischen dem Kinderwunsch und ihrer Verantwortung gegenüber dem ersten Kind. Kinder haben ein gutes Gespür wie es ihren Eltern geht. Es kann sehr verwirrend sein wenn Kinder mitbekommen, dass es den Eltern nicht gut geht und sie den Grund dafür nicht kennen. Manchmal sehen sich Kinder selbst als Ursache des Leides ihrer Eltern. Darum ist es den Paaren oft sehr wichtig, wie es ihren Kindern mit den Eltern geht. Kinder brauchen keine Details über die emotionalen Herausforderungen, oder, im Fall einer Behandlung, genaue Informationen darüber. Meist ist es ausreichend, dass sie wissen, dass sich die Eltern noch ein weiteres Kind wünschen und sie traurig darüber sind, dass es noch nicht geklappt hat.

Wie können Paare noch immer ein Paar bleiben und nicht nur den Kinderwunsch in den Mittelpunkt rücken?

Häufig stehen Gefühle wie Enttäuschung, Trauer und Kontrollverlust im Mittelpunkt eines Paares mit unerfülltem Kinderwunsch. Selbstverständliche Dinge im Alltag des Paares bzw. der Familie und Aktivitäten, die früher Spaß gemacht haben, machen keine Freude mehr. Viele ziehen sich von ihrem sozialen Umfeld zurück.

Einige Paare entwickeln mit der Zeit ein übermäßiges Kontrollbedürfnis, das ihnen jegliche Spontanität zB mit ihrem ersten Kind oder in der Sexualität nimmt. Manche fahren gar nicht mehr auf Urlaub oder richten ihre Leben nach den Eisprüngen aus.

Wichtig ist aus meiner Sicht also, dass Paare Sexualität nicht nur zwecks Fortpflanzung leben können, und sie ihren Alltag nicht nur der Erfüllung des Kinderwunsches unterordnen. Es macht auch Sinn über die Möglichkeit der Nichterfüllung des Wunsches zu sprechen, und welche anderen Lebensziele dann aufgrund der kürzeren "Erziehungszeit" mit dem ersten Kind in den Vordergrund rücken können. Wichtig ist es auch die Freude an der Entwicklung des ersten Kindes zu erhalten!

Mag.a Julia Asimakis begleitet Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, Frauen mit Themen rund um Schwangerschaft und Geburt sowie Eltern mit ihren Babys und Kleinkindern bei Schrei-, Schlaf- und Fütterproblemen. Mehr dazu auf ihrer Webseite www.elternberatung.wien

Im Nanaya gibt es für betroffene Eltern die "Kontaktgruppe Kinderwunsch" - eine offene Gruppe für Frauen mit Kinderwunsch.


 

Teil 2: Fehlgeburt - und was jetzt?

So häufig laut Statistiken Fehlgeburten auch vorkommen (etwa jede dritte Schwangerschaft), so traumatisch ist die Erfahrung für die Eltern. Nicht nur die eigene Trauer, die Verzweiflung und die Hilflosigkeit machen Paaren zu schaffen, auch das häufige Unverständnis durch ihr Umfeld erschwert die Situation. Wer möchte denn wirklich hören „Ach sei doch froh, ihr habt doch schon ein gesundes Kind“ oder „Nächstes Mal wird es schon klappen“ – doch genau diese Sprüche, die vermeintlich Trost spenden sollen, verletzen und sind unpassend.

Vielen Paaren fällt es schwer, dieses Ereignis zu verarbeiten – und dennoch wird viel zu selten darüber gesprochen. Weil so wenig darüber gesprochen wird, kommt es häufig zu Streit in der Beziehung, denn Frauen und Männer verarbeiten den Verlust eines Kindes anders.

 

Wir haben mit Petra Hainz vom Nanaya gesprochen und sie gefragt, wie Paare am besten mit der Fehlgeburt eines Kindes umgehen können:

Welche Gefühle löst eine Fehlgeburt bei den Eltern aus? Empfinden Frauen und Männer eine Fehlgeburt anders?

Die Gefühle der Eltern sind sehr unterschiedlich und hängen davon ab, wie sehr sie sich mit ihrem Baby im Bauch verbunden gefühlt haben.

Die meisten schwangeren Frauen bauen schon sehr früh eine Verbindung zu ihrem Baby auf, weil sie sein Dasein durch Spannungen in der Brust, Müdigkeit, bestimmte Gelüste, Übelkeit und ähnliche körperliche Veränderungen spüren. Sie nehmen das Ungeborene als reale Person wahr und trauern, wenn es stirbt, um ihr Kind. Zu der Trauer kommt die Enttäuschung: Viele Mütter verlieren durch eine Fehlgeburt das Vertrauen in den eigenen Körper, der dieses Baby nicht halten konnte.

Für die meisten Partner (oder Partnerinnen) ist das Baby in den ersten Wochen und Monaten der Schwangerschaft noch nicht real. Eine Fehlgeburt löst deswegen oft andere Gefühle aus: Nicht die Trauer um dieses konkrete Kind steht im Vordergrund, sondern die Enttäuschung darüber, dass das, was hätte sein können, wie eine Seifenblase zerplatzt ist.

Je weiter die Schwangerschaft voranschreitet, umso mehr gleichen sich diese Gefühle an. Wenn der Partner die Bewegungen des ungeborenen Babys spürt, wenn er bei der Geburt dabei ist, wenn er sein Baby sieht und berührt, dann verstärkt das die Bindung.

Was tun bei Schuldgefühlen bzw. Vorwürfen?

Schuldgefühle und Selbstvorwürfe sind nach einer Fehlgeburt typisch und gehören zum Trauerprozess dazu. Das Gefühl der betroffenen Mütter, dass ihr Körper versagt hat und ihr Baby nicht schützen konnte, ist gleichzeitig ein Versuch, eine Erklärung zu finden. Denn natürlich fragen sich die Betroffenen: „Warum? Warum ich? Warum mein Baby?“

Das Wichtigste ist, dass diese Schuldgefühle ausgesprochen werden dürfen,  ihren Platz bekommen und nicht unterdrückt bzw. tabuisiert werden. Nur so ist es möglich, sie irgendwann zu überwinden. Erst wenn die Eltern akzeptieren, dass es keine Antwort auf das „Warum?“ gibt – erst dann können sie mit der eigentlichen Trauerarbeit beginnen.

Was raten Sie Paaren für ihre Beziehung nach einer Fehlgeburt?

Wichtig ist, als Paar im Gespräch zu bleiben und die Unterschiedlichkeit der Trauer nicht zu bewerten. Beim Trauern gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder und jede hat das Recht, so zu trauern, wie es dem eigenen Wesen entspricht. Das darf am Anfang auch ein Verdrängen sein, um sich zu schützen.

Leider gehen viele Partnerschaften nach dem Tod des gemeinsamen Kindes in die Brüche, weil die Belastung zu groß ist oder sich herausstellt, dass die Werte und Herangehensweisen zu unterschiedlich sind. Wenn aber beide Partner es schaffen, ihre Trauer anzuerkennen und ihrem verstorbenen Baby einen Platz geben, dann kann die Beziehung durch diese Krisensituation sogar reifen und tiefer werden.

Wie können Geschwisterkinder über den Verlust aufgeklärt werden?

Geschwisterkinder werden oft vom Trauerprozess ausgeschlossen, um sie vor dieser traurigen Erfahrung zu schützen. Dabei spüren Geschwister ohnehin, dass ihre Eltern traurig sind. Wird ihnen der Grund dafür nicht erklärt, neigen Kinder dazu, ihn bei sich zu suchen. Das sollte unbedingt vermieden werden.

Geschwisterkinder haben ein Recht darauf, zu erfahren, dass sie große Schwester/großer Bruder geworden sind. Für die meisten Kinder gehört ein verstorbenes Baby, auch wenn sie es nie richtig kennengelernt haben, voll und ganz zur Familie dazu. Viele zeichnen das Baby in Familienbildern und zählen es bei der Anzahl ihrer Geschwister mit. Das ist ein gesundes und normales Verhalten und sollte unterstützt werden. Durch Rituale wie Kerzen anzünden, Luftballons steigen lassen oder Blumen pflanzen können Geschwister gut in die Trauerverarbeitung eingebunden werden. Die meisten Kinder werden mit viel Eifer dabei sein.

Das Allerwichtigste aber ist Offenheit. Ist das verstorbene Baby in der Familie kein Tabu, wird jedes Kind früher oder später Fragen stellen, die dann kindgerecht beantwortet werden können. Dabei unterstützen gute Kinderbücher wie „Himmelskind“, „Lauras Stern“ oder „Abschied von der kleinen Raupe“.

Wie wichtig ist ein Abschiedsritual und welche gibt es?

Rituale sind wichtig und hilfreich, um etwas begreifbar zu machen, das kaum zu begreifen ist. Die richtige Reihenfolge ist aber entscheidend: Um sich vom Baby verabschieden zu können, muss man es zuerst begrüßt haben.

Begrüßungsrituale bei der Geburt sind z.B. Anziehen, Streicheln, Baden und Fotos machen. Mit dem verstorbenen Baby sollte ebenso behutsam umgegangen werden wie mit einem lebenden. Die Eltern und ggf. auch die Geschwister oder andere Angehörige sollten so viel Zeit mit ihrem Baby verbringen können, wie sie möchten.

Konnte das Baby bei der Geburt nicht begrüßt werden, ist es möglich, Begrüßungsrituale nachzuholen. Das Malen eines Bildes, das Gestalten einer Skulptur, das Schreiben eines Briefes oder das Gestalten eines Erinnerungsalbums hilft dabei, ein Baby ins eigene Leben zu integrieren, das zu klein war, um es richtig.

Besonders wichtig ist es, dass jedes verstorbene Baby einen Namen bekommt. Gibt es eine Bestätigung über die Schwangerschaft (z.B. den Mutter-Kind-Pass), ist eine Eintragung am Standesamt bereits für ganz kleine Sternenkinder möglich. Aber auch für noch kleinere Babys sollten Eltern und Angehörige einen Namen aussuchen. Damit wird ausgedrückt, dass auch sie unverwechselbare kleine Menschen waren.

Abschiedsrituale sind Rituale, die ausdrücken, dass trotz räumlicher und körperlicher Trennung eine Verbindung zum Baby bestehen bleibt. Besonders beliebt ist das Steigenlassen von Luftballons (auch gerne mit einem Brief an das Baby) und das regelmäßige Anzünden von Kerzen. Die Bestattung ist bei allen Babys, die geboren wurden, möglich, unabhängig von Geburtsgewicht und Schwangerschaftswoche.

Petra Hainz ist Lebens- und Sozialberaterin und arbeitet seit 12 Jahren im „Nanaya – Zentrum für Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern“ im 7. Wiener Gemeindebezirk. Sie ist Mutter dreier lebender und zweier verstorbener Kinder und setzt sich besonders für die Anliegen von Eltern sogenannter „Sternenkinder“ ein. In der Einzel- und Gruppenberatung unterstützt sie betroffene Mütter und Väter dabei, den Tod ihrer Babys zu verarbeiten und ihn ins eigene Leben zu integrieren.

Die Rechtslage in Österreich

In der Medizin wird zwischen einer Fehl- und einer Totgeburt unterschieden:

Unter einer Fehlgeburt wird ein totgeborenes Kind mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm vor der 24. Schwangerschaftswoche verstanden. Fehlgeburten werden nicht gemeldet, nicht ins Sterberegister aufgenommen und es gibt auch keine Sterbeurkunde. Nach der 24. Schwangerschaftswoche spricht man von einer Totgeburt bzw. einer Stillgeburt, die am Standesamt gemeldet werden muss, einen Eintrag ins Sterberegister und eine Sterbeurkunde erhält. Still geborene Kinder werden in einem Kindergrab bestattet.

Unterstützung

Im Zentrum Nanaya gibt es neben vielen Kursen und Vorträgen für werdende Eltern und junge Familien auch mehrere Angebote zum Thema „Sternenkinder“:

  • Vortrag „Ein Platz für das verstorbene Baby“ für betroffene Eltern, Geschwistern, etc.
  • monatliche Treffen der Selbsthilfegruppe Regenbogen, nur für betroffene Eltern
  • Rückbildungskurs: Geschlossene Gruppe für Frauen, deren Baby gestorben ist
  • „Verbunden für immer“: geleitete Gesprächsgruppe für Mütter und Väter von Sternenkindern
  • Einzelberatung und Begleitung von Frauen oder Paaren nach Fehlgeburt, Abtreibung, stiller Geburt oder Neugeborenentod sowie im Schwangerschaftskonflikt nach pränataler Diagnostik nach telefonischer Vereinbarung

Tag der Sternenkinder

Jährlich findet der Tag der Sternenkinder am 15. Oktober statt. Es ist der Tag, an dem allen Kindern gedacht wird, die während der Schwangerschaft oder bei der Geburt starben. Um 19 Uhr Ortszeit wird für diese Kinder eine Kerze entzunden.

 

Zum Thema Fehlgeburt und wann man danach wieder schwanger werden kann, haben wir mit einem Experten gesprochen. Mehr dazu demnächst!


 

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