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Bedürfnisorientiert am Limit? Warum viele Mamas sich selbst verlieren und wie innere Orientierung wieder Halt gibt
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Vielleicht kennst du diesen Zustand: Du hast den ganzen Tag funktioniert. Du hast getröstet, gekocht, organisiert, erklärt, gehalten. Nebenbei gearbeitet, Termine koordiniert, Bedürfnisse gesehen. Von außen betrachtet machst du vieles richtig. Du bist präsent. Du bist bemüht. Du bist engagiert. Und trotzdem ist da diese innere Leere.

Eine Müdigkeit, die tiefer sitzt als Erschöpfung. Fast so, als wärst du selbst irgendwo zwischen Frühstückstisch und Gute-Nacht-Ritual verloren gegangen. Du spürst dein Kind sehr genau. Du spürst Erwartungen. Aber spürst du dich selbst noch?
Und dann taucht diese Frage auf, die viele Mamas verdrängen, weil sie unbequem ist:
Wann habe ich zuletzt wahrgenommen, was ich eigentlich brauche?
Nicht, was ein „guter Elternteil“ tun sollte. Nicht, was gerade erwartet wird. Sondern was innerlich wirklich da ist.
Eine unbequeme Wahrheit
Viele Erwachsene – nicht nur Mamas – haben nie gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, geschweige denn, ihnen zu vertrauen oder einzufordern.
Sätze aus der eigenen Kindheit wirken oft unbewusst weiter:
- „Stell dich nicht so an.“
- „Das ist doch nicht so schlimm.“
- „Sei nicht so egoistisch.“
Zwischen den Zeilen lag eine klare Botschaft:
Deine Bedürfnisse sind zu viel.
Also hast du gelernt, dich anzupassen. Still zu sein. Stark zu sein. Nicht zu stören.
Heute bist du Mama. Heute möchtest du es anders machen. Bedürfnisorientiert. Bewusst. Zugewandt. Doch genau hier geraten viele Frauen an ihre Grenzen. Denn sie sollen Bedürfnisse sehen, regulieren und begleiten ohne je gelernt zu haben, das bei sich selbst zu tun. Der Preis dafür ist hoch:
Du selbst verschwindest.
Bedürfnis oder Schuldgefühl?
Nicht alles, was sich wie ein Bedürfnis anfühlt, ist auch eines. Viele innere Impulse entstehen nicht aus echtem Wollen, sondern aus alten Schuldgefühlen oder unbewussten Glaubenssätzen.
Ein Beispiel:
Du möchtest unbedingt, dass deine Kinder „lieb miteinander sind“. Du sagst dir, du hättest ein starkes Bedürfnis nach Harmonie.
Doch oft steckt etwas anderes dahinter: eine alte innere Angst, dass Konflikte gefährlich sind. Dass Streit Nähe bedroht. Dass du brav sein musst, um geliebt zu werden.
In solchen Momenten regulieren wir nicht die Situation der Kinder, sondern unsere eigene innere Unruhe.
Viele Mütter leben nicht bedürfnisorientiert, sondern schuldgetrieben.
Das ist erschöpfend. Und es führt nicht zu echter Verbindung.

Wenn der Körper spricht
Gereiztheit. Ungeduld. Tränen wegen Kleinigkeiten. Das sind keine Zeichen von mangelnder Kompetenz oder fehlender Liebe. Es sind Signale. Der Körper meldet sich, wenn innere Grenzen dauerhaft übergangen werden. Nicht, um zu sabotieren, sondern um auf etwas Wesentliches hinzuweisen. Die Schuld, die viele Mamas empfinden, wenn sie an sich denken, ist selten eine erwachsene Reaktion.
Oft ist es die Stimme eines angepassten inneren Anteils, der gelernt hat: Meine Bedürfnisse sind falsch.
Bedürfnisorientierte Be- und Erziehung bedeuten nicht Selbstaufgabe
Eine wirklich bedürfnisorientierte Beziehung schließt niemanden aua, auch nicht dich selbst. Sie bedeutet:
- Beide haben Bedürfnisse.
- Beide dürfen sie benennen.
- Es wird gemeinsam nach Lösungen gesucht.
Ein Beispiel aus dem Alltag:
Dein Kind möchte spielen. Du bist erschöpft. Nicht bedürfnisorientiert wäre:
- „Okay, wir spielen.“ (Du gehst über deine Grenze und wirst innerlich hart.)
- Oder: „Mama muss arbeiten.“ (Du rechtfertigst dich, statt dich zu zeigen.)
Bedürfnisorientiert heißt:
„Ich sehe, dass du spielen möchtest. Und ich merke, dass ich gerade sehr müde bin und eine Pause brauche. Lass uns schauen, was für uns beide möglich ist.“
Das ist klar. Das ist ruhig. Das ist erwachsen.
Innere Orientierung statt Selbstoptimierung
Viele Mamas scheitern nicht an mangelnder Liebe. Sie scheitern an fehlender innerer Orientierung. Der Weg zurück zu sich selbst ist kein schneller Prozess und keine Checkliste. Er beginnt dort, wo Menschen lernen, ihre inneren Reaktionen ernst zu nehmen, statt sie zu bewerten oder zu unterdrücken.
Innere Orientierung entsteht, wenn wir verstehen:
- warum bestimmte Situationen uns so stark treffen
- welche alten Prägungen dabei aktiviert werden
- und was im Hier und Jetzt tatsächlich gebraucht wird.
Erst wenn du hier Klarheit hast, ist eine dauerhafte Veränderung möglich. Das ist Arbeit, die du nicht immer allein leisten musst.
Was Kinder wirklich lernen
Kinder lernen nicht durch perfekte Erziehungskonzepte.
Sie lernen durch das, was wir vorleben.
Wenn du dich selbst und deine Bedürfnisse ernst nimmst, lernt dein Kind:
- Bedürfnisse sind menschlich.
- Grenzen sind normal.
- Pausen sind erlaubt.
Wenn du dich selbst verlierst, lernt dein Kind Selbstvergessenheit. Wenn du dir innerlich Raum gibst, lernt es Selbstachtung. Die Frage ist nicht, ob du alles „richtig“ machst. Die Frage ist, welche Haltung zu Bedürfnissen du im Alltag lebst.
Ein abschließender Gedanke
Wenn dich diese Themen immer wieder einholen, ist das kein persönliches Scheitern.
Es ist ein Hinweis darauf, dass es Zeit ist, dich selbst nicht länger hinten anzustellen, sondern dich mit derselben Ernsthaftigkeit zu betrachten, mit der du dich um andere kümmerst.
Zur Autorin

Elisabeth Kwauka ist Coachin und psychologische Beraterin in Wien. Sie begleitet Menschen in 1:1-Settings dabei, innere Prägungen zu verstehen und zu regulieren, damit sie auch in emotional herausfordernden Situationen handlungsfähig bleiben.








