Gesund & Satt

Ein zweites Kind kann das ganze Familiensystem gehörig durcheinanderwirbeln. Zu all den üblichen Herausforderungen und Sorgen einer Schwangerschaft stellt sich plötzlich eine neue Frage: Was bedeutet der Familienzuwachs für unser „Großes“? Und wie können wir Eltern diesen Umbruch gut begleiten?

Gastbeitrag Lisi Witzani Geschwisterk

Vorbereitung ohne falsche Versprechen

Die Schwangerschaft ist die erste Phase der Vorbereitung – nicht nur für uns, sondern auch für das ältere Kind. Dabei gilt: Das Kind gibt das Tempo vor. Es ist völlig okay, wenn das Interesse am wachsenden Bauch schwankt. Wir sollten unser Kind nicht mit Informationen überrollen, sondern seine Fragen ehrlich und altersgerecht beantworten.

Ein wichtiger Punkt dabei: Versprechungen vermeiden. Sätze wie „Das wird toll, dann hast du immer jemanden zum Spielen!“ können nach hinten losgehen. Wenn wir Vorstellungen einpflanzen, für die wir nicht garantieren können, ist die Enttäuschung vorprogrammiert, wenn die Erwartungen von der Realität abweichen. Sinnvoller ist es, das Kind (wenn es möchte) in praktische Vorbereitungen einzubeziehen und gemeinsam Pläne für die erste Zeit zu schmieden.

Auf die Haltung kommt es an

In Foren oder Fachbüchern finden sich meistens konkrete Tipps für die erste Zeit nach der Geburt:

  • Routinen so gut wie möglich beibehalten.
  • Das Geschwisterchen in die Pflegeroutinen (Wickeln, Baden) einbeziehen.
  • Bewusste 1:1-Zeiten mit dem älteren Kind schaffen.
  • Wenn Gäste Geschenke mitbringen, auch eine Kleinigkeit für das ältere Kind dabei haben.
  • usw.

Das sind wertvolle Ansätze. Doch das eigentliche Fundament ist die Haltung, die solchen praktischen Tools zugrunde liegt. Eine Haltung, die vermittelt: Alles darf sein. Jede Reaktion auf das Baby ist okay.

Ich erinnere mich noch gut, wie befremdlich es für mich war, als mein damals 5-jähriger Sohn seinen neugeborenen Bruder anfangs nicht einmal berühren wollte. Heute weiß ich: Ein Neugeborenes kann auf Kinder fast ein bisschen gruselig wirken. Es ist so zerbrechlich, macht unkoordinierte Bewegungen und hält noch keinen Augenkontakt. 

Zwischen „Super-Helfer“ und „Rückschritt“

Sei darauf vorbereitet, dass die Reaktionen deines Kindes vielfältig sein werden – und sich abwechseln können:

  • Die Rolle der/des Großen: Das Kind geht voll in der Verantwortung auf und möchte mit Begeisterung beim Füttern oder Anziehen helfen.
  • Regressives Verhalten: Das Kind wird gefühlt selbst wieder zum Baby, möchte plötzlich wieder gefüttert werden oder braucht wieder eine Windel.

Genauso kann das ältere Kind plötzlich neues Verhalten an den Tag legen und deine Geduld gehörig strapazieren. Da braucht es vor allem Verständnis und Feinfühligkeit.

Denn all das ist ein normaler Versuch, den Platz im neuen Gefüge zu finden. Immerhin ist es für das Kind eine enorme Umstellung, wenn sich die Verfügbarkeit der Eltern so radikal ändert.

Gastbeitrag Lisi Witzani Geschwisterk Hilfe

Das eigene Tempo der Beziehung

Geschwisterbeziehungen entwickeln sich unabhängig von unseren Idealvorstellungen. Wir können nichts forcieren. Oft ist es das Beste, als Eltern einen Schritt zurückzugehen und den Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen. Das kann zum Beispiel bedeuten, sich einfach zurückzulehnen und die Interaktion der beiden zu beobachten.
Die einzige Ausnahme ist natürlich körperliche Gewalt – wenn das ältere Kind dem Baby gezielt weh tut, müssen wir natürlich einschreiten.

Weg mit dem schlechten Gewissen

Noch ein wichtiger Gedanke zum Schluss: Ja, diese Phase ist herausfordernd für das Erstgeborene. Aber – und das ist entscheidend – es schadet ihm nicht. Bitte verabschiede dich von dem schlechten Gewissen, dass du jetzt weniger Zeit für dein erstes Kind hast.

Wir dürfen die Veränderung anerkennen, müssen uns aber nicht schuldig fühlen. Menschenkinder sind darauf ausgelegt, an solchen Herausforderungen zu wachsen.

Das größte Geschenk, das wir unseren Kindern (nicht nur in dieser Zeit) machen können, ist nicht Perfektion, sondern unsere Neugier und Offenheit: Neugierig darauf zu sein, wie jedes einzelne unserer Kinder wirklich ist, wie sich die Geschwisterdynamik entwickelt und wie das ältere Kind in seine neue Rolle hineinwächst.

Wenn wir die Individualität aller Familienmitglieder anerkennen und wertschätzen können, ist schon eine wunderbare Grundlage gelegt.


Über die Autorin

Die Autorin Elisabeth Witzani ist Elternberaterin und schreibt einen regelmäßigen Newsletter mit Fachwissen und Impulsen rund um starke Familien-Beziehungen.

Mehr über ihre Arbeit auf www.elisabethwitzani.at

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