Gesund & Satt

Kinder sind laut Jesper Juul (dänischer Familientherapeut, 1948 – 2019) von Natur aus kooperationsbereit - sie wollen mit ihren Bezugspersonen kooperieren und befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Kooperationsbereitschaft und dem Versuch, die eigenen Grenzen zu wahren. Fällt einem Kind die Kooperation übermäßig schwer, liegt es im Verantwortungsbereich der Eltern/Bezugsperson nach der Ursache zu suchen.

Das Kind handelt nicht mit Absicht „gegen“ die Erwachsenen, sondern es steht für sich und seine Grenzen ein. Doch was passiert, wenn Verweigerung sehr viel Raum einnimmt und die Ursache tiefer liegt als gedacht? …nämlich in der Art die Welt zu erleben…

Gastartikel Kooperationsbereitschaft Neurodivergenz

Direkte und Indirekte Kooperation nach Jesper Juul – wenn Kooperation auf den ersten Blick nicht sichtbar ist

Direkte Kooperation ist sichtbar – ein Kind verhält sich entsprechend einer Idee, einer Vorgabe, eines Plans. Das Kind „macht mit“: Beim Zähneputzen, beim Anziehen, beim Aufräumen, dabei in der Früh die Wohnung zu verlassen und in den Kindergarten oder die Schule zu gehen.

Indirekte Kooperation ist nicht sichtbar. Ein Beispiel: Ein Kind verweigert nach schwieriger Kindergarteneingewöhnung den Kindergarten. Der Vater animiert das Kind, die Morgenroutine mitzumachen und die Wohnung zu verlassen. Er erklärt dem Kind, dass es für ihn wichtig ist, pünktlich in die Arbeit zu kommen und bittet das Kind um Mithilfe. Trotz allem verweigert das Kind die Kooperation, es weint vor Verzweiflung, klammert sich bei der Abgabe an den Vater. Möglicherweise spürt das Kind beim Vater eine Unsicherheit in Bezug auf den Kindergartenbesuch und kooperiert mit diesem inneren Zweifel des Vaters – es kooperiert also sehr wohl, allerdings indirekt und nicht mit dem, was der Vater nach außen hin anstrebt.

Die Verantwortung liegt bei der Bezugsperson

Wieso fällt es diesem Kind so schwer in den Kindergarten zu gehen? Was könnte dahinterstecken? Diese Fragen helfen Eltern dabei, die Verantwortung für ihre Entscheidungen und ihr Handeln zu übernehmen. Zweifelsohne ist es sinnvoll zu hinterfragen, warum mein Kind (zumindest augenscheinlich) nicht kooperiert. Manchmal liegen, wie in dem Beispiel, unausgesprochene Unsicherheiten der Eltern, mangelnde Klarheit oder Ängste zugrunde oder aber auch schlicht die Tatsache, dass ein Kind über den Tag hinweg schon unzählige Male kooperiert hat und nicht mehr dazu in der Lage ist. Durch das Aufspüren des Hintergrundes wird es möglich, ihn gegebenenfalls aufzuarbeiten und dem Kind so zu begegnen, dass Kooperation eventuell doch möglich wird.

Wenn mangelnde Kooperationsbereitschaft dem Familienalltag die Leichtigkeit nimmt, kann es sich lohnen, sich dem Thema mit professioneller Begleitung anzunähern. Einzelne Situationen können reflektiert und neue Lösungen gefunden werden.

Wenn das nicht reicht …

In der Vergangenheit begegneten mir in Beratungen immer wieder Eltern, die verzweifelt nach dem Grund suchten, wieso es ihrem Kind so schwer fällt zu kooperieren, warum es so oft „dagegen“ und von seiner eigenen konkreten Vorstellung nicht abzubringen ist. Aus „vielen kleinen Mücken“ wurden über den Tag verteilt „viele große Elefanten“. Verzweifelte Eltern, die „den Fehler“ bei sich suchten – waren sie sich nicht klar genug über ihre Werte, wussten sie selbst nicht was sie wollten, plagten sie Ängste, die ihren Ursprung in der eigenen Kindheit hatten – spiegelte ihr Kind ihnen all das wider?

Sie reflektierten, analysierten die eigene Kindheit, die eigenen Gedanken, Sorgen und Ängste und hatten das Gefühl nicht zu genügen, es schlicht nicht „gut genug“ zu machen. Irgendetwas müssten sie doch „falsch“ machen, wenn das eigene Kind solche Schwierigkeiten hat, Anforderungen nachzukommen oder sich „anzupassen“, irgendetwas Unentdecktes musste da schlummern.

Auch die Umwelt meldete immer wieder rück, dass die Eltern zu „nachgiebig“, „inkonsequent“ seien oder im Falle einer Kindergarten-/Schulverweigerung selbst nicht loslassen könnten. Die Ursache wurde dann zum Beispiel in der vermeintlich „zu langen“ Verabschiedung, die dem Kind den Abschied erschwerte, gesucht, da es oft die naheliegendste Antwort war. Die Konsequenz: Es lasteten Schuldgefühle und Druck auf den Schultern der Eltern.

Gastartikel Kooperationsbereitschaft Neurodivergenz Diagnostik

Diagnostische Abklärung

Nicht jedes „problematische Verhalten“ benötigt eine diagnostische Abklärung. Die Ursache für Verweigerung ist oft eine, die sich durch Reflexion und einen (professionellen) Blick von außen finden lässt. Oft sind es Muster in der Eltern-Kind-Beziehung, die sich verfestigt haben und die es aufzubrechen gilt. Doch sehe ich Eltern, die unter der Last etwas falsch zu machen, „zerbrechen“ und sich Vorwürfe machen. Sie wissen, dass die Verantwortung, sich dem Leidensdruck ihres Kindes anzunehmen, bei ihnen liegt und fühlen sich unfähig, dieser Anforderung gerecht zu werden, bis eine diagnostische Abklärung bei einem*r entsprechenden Facharzt*in / Psycholog*in Klarheit und Erleichterung bringt.

Neurodivergenz in Form von Autismus-Spektrum und/oder ADHS kann eine mögliche Ursache sein, warum der Alltag für manche Familien herausfordernder ist als für andere.

Ein neurodivergentes Nervensystem verarbeitet Reize anders – oft intensiver – und ist daher oft schneller überlastet als ein neurotypisches. Für ein neurodivergentes Kind fühlt sich der Kindergartentag, an dem unzählige Reize ungefiltert einprasseln, anders an als für Kinder mit neurotypischer Wahrnehmung. Routinen und Rituale spielen für viele Kinder eine große Rolle, doch im Autismus-Spektrum sind sie oft essentiell, um sich in einer zu lauten, schnellen, bunten Welt zurecht finden zu können. Davon abzuweichen bedeutet puren Stress für das Nervensystem, es kommt schneller zu Überforderung. Flexibilität wird zur Unmöglichkeit. Kinder, die verweigern, tun dies für sich, um ihre Grenzen zu wahren.

Endlich eine Diagnose für das eigene Kind zu erhalten, kann in dieser Welt, in der es leider oft eine Diagnose braucht, um ernst genommen zu werden, eine große Entlastung für Eltern neurodivergenter Kinder bringen.

Die Entlastung

Aufgrund des Empfindens des Kindes wird eine Grenze schneller als übertreten erlebt, sodass es nicht kooperieren kann und es möglicherweise zur kompletten Verweigerung kommt. Ursache sind also keine unerkannten inneren Konflikte im Elternteil, die Mutter oder Vater unfähig zu finden sind, was meiner Erfahrung nach bei Eltern leider manchmal so ankommt und zu einer großen Last führt. Das eine schließt das andere natürlich nicht aus. Auch wenn eine Diagnose vorliegt, sind Eltern ebenso dazu angehalten, ihr Verhalten und was sie dazu bewegt, zu reflektieren.

… und dann?

Eltern können sich wieder auf ihr Kind konzentrieren und darauf, was es braucht, dass die Familie entlastet wird anstatt sich selbst weiterhin unter Druck zu setzen, was sich auch negativ auf ihr Kind auswirken kann. Für alltägliche Herausforderungen darf auf Augenhöhe nach passenden Lösungen gesucht werden, die neurodivergentes Erleben berücksichtigen.

Neurodivergenzsensible Beratung

Verschiedene Lebensrealitäten und unterschiedliches Erleben aufgrund von Neurodiversität als eine von vielen möglichen Facetten im Blick zu haben, erlebe ich in meiner Arbeit als psychologische Beraterin und Lehrerin als essentiell.

Die Erweiterung um die neurodivergenzsensible Komponente in der Beratung in Bezug auf Kooperationsfähigkeit und herausfordernde Verhaltensweisen ist in meinen Augen essentiell dafür, Klient*innen adäquat begleiten zu können.


Über die Autorin

Patrizia Kaltenegger ist psychologische Beraterin in Wien. Sie bietet Einzelberatungen, Paarberatungen und Elternberatungen an – beziehungsorientiert und neurodivergenzsensibel. Als Lehrerin einer Förderklasse begleitet sie Kinder/Jugendliche mit Herausforderungen im sozio-emotionalen Bereich.

Mehr Informationen unter www.begleitunginbeziehung.at

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